Sonntag, 18. Januar 2015

Die Homöopathie individualisiert - Fallaufnahme 1

Die Fallaufnahme in der Homöopathie – Teil 1


In den vorherigen Blogbeiträgen habe ich dargestellt, wie die Homöopathie die Symptome betrachtet: Als Zeichen dessen, wie die innere Selbstregulation die Funktionen (Strukturen) des Organismus an innere und äußere Anforderungen anpasst. Krankheitssymptome werden gesehen als Versuche, einen gestörte Regulation über Kompensationsmechanismen so weit wie möglich auszugleichen, zu ersetzen.

Es wurde in einem anderen Beitrag der Unterschied verschiedener „Krankheitsarten“ am Beispiel der Akutkrankheiten zu zeigen versucht. Es wurde auch hervorgehoben, dass selbstverständlich zu suchen ist, ob etwas besteht, das die Krankheitssymptome erforderlich macht, auslöst. Das ist, schon weil es die Heilung behindern kann, selbstverständlich zu entfernen. - Wenn das geht -

Hier geht es um die chronischen Krankheiten und den Weg die dazu gehörenden Symptome zu erkennen und dann später daraus einen passende Arznei zu finden. Dass dabei, durch die Fallaufnahme, überhaupt erst möglich wird, zu erkennen, was denn zu heilen ist, auch ob akute und chronische, scheinbar chronische oder iatrogene Krankheit vorliegt und ob es Heilungshindernisse gibt, ist Voraussetzung für jede Therapiewahl.

In seinem § 6 des Organon (z.B. http://www.homeoint.org/books4/organon/org000.htm) schreibt Hahnemann:

Zitat:

Der vorurtheillose Beobachter, - die Nichtigkeit übersinnlicher Ergrübelungen kennend, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen, - nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit.

Hier soll auf zwei Aussagen hingewiesen werden. Zum Einen, dass der Beobachter, Heilkundler, vorurteilsfrei an die Fallaufnahme gehen soll und dass es Hahnemann zum Anderen eben nicht darum geht, „Übersinnliches“, höhere „geistige“ Bereiche, einen, über das Greifbare, Biologische hinausgehenden Sinn zu suchen, zu „Ergrübeln“. Das ist der Boden, auf dem die Homöopathie steht.


Fallaufnahme erfordert Objektivität

Fast hundert Jahre, nachdem Hahnemann in seinem Organon beschrieben hat, wie der individuelle Krankheitsfall „aufgenommen“ werden soll, welche (auch im Heilkundler liegenden) Fehler vermieden werden müssen, wurde Carl Rogers (http://www.carlrogers.de/sites/rogers-weg-zur-psychologie.html) geboren, der die „personenzentrierte Gesprächstherapie“ entwickelte. Man findet bereits bei Hahnemann vieles von dem, was Rogers vom Therapeuten verlangt.

Ab dem § 83 des Organon, 6. Auflage, wird das vorgehen beschrieben. Kernsatz:

Diese individualisirende Untersuchung ... verlangt von dem Heilkünstler nichts als Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit.

Unbefangenheit bedeutet, dass der Heilkundler keinerlei vorgefasste Meinung haben soll. Sich davon frei machen muss, irgendwelchen Vorlieben, Theorien zu folgen. Auch darf er nicht auf irgendwelche Erfahrungen mit anderen Patienten/ Personen zurückgreifen, von denen er vermutet, dass sie ähnliches oder das gleiche gehabt haben könnten.

So bestehen „Vorurteile“, die - Hahnemann hat recht gut verstanden, wie Kommunikation abläuft -, bestimmen können, was der „Zuhörer“ tatsächlich zu hören „wähnt“. Aufmerksamkeit wird so gelenkt, Worte in ihrem Verständnis geändert (passend zur „Erwartung“), manches wird so gar überhört. Der Heilkundler wird so in die Gefahr kommen, gelenkt/lenkend nachzufragen, entsprechend seiner Voreingenommenheit.

So kann am Ende der Patient die Krankheit, die Ursachen dafür usw. angedichtet bekommen, die dem Sinne des Heilkundlers entsprechen. Aus dessen „Weltverständnis“ werden „Auffälligkeiten“ beim Patienten gesehen und ggf. durch Nachfragen besonders herausgearbeitet. Sucht er die Ursachen für die Krankheit in einer „geistigen“ Welt, wird er sie dort finden können, sieht er „unlösbare innere Konflikte“ als Grund, so „hört und sieht“ er alles, was dazu passen könnte, und so wie es dann passt. Wenn in „früheren Leben“ oder bei „verstorbenen“, „gekränkten“ Familienmitgliedern der Auslöser gesehen wird, so engt dieses „Fernglas“ den Blick ein.

Das sind die großen Gefahren vor denen Rogers seine „Therapeuten“ warnte.

Es ist für einen Heilkundler sehr schwer, insbesondere, wenn er selbst bestimmten Interessen anhängt (seine Welt auf seinen Patienten übertragen möchte – auch unbewusst) sich selbst immer wieder von solchen „Lenkungen, Vorurteilen“ zurückzuziehen und entsprechend wieder „unvoreingenommen“ zu machen.

Es war in den vielen Jahren, in denen ich Homöopathie unterrichtete, für die Teilnehmer immer wieder überraschend, wie schnell ins „Falschwahrnehmen“, Überstülpen von fremden Beobachtungen oder Einfließen lassen eigener Ideen abgeglitten werden konnte. Die praktische Fallaufnahme war wichtiger Kursbestandteil. Insbesondere in der Gruppe, die gemeinsam einen Fall aufgenommen hatte, wurde bei der Nachbesprechung sichtbar, wie oft Aussagen des Patienten völlig unterschiedlich gehört und verstanden wurden, wie oft eigene Erfahrungen („meine Tante hatte das auch“) das Verstehen und Nachfragen lenkten und wie oft die Idee „aus Sicht der ...“ eine irreleitende Rolle spielte.

Es ging auch, Hahnemann lehrt das, darum, schon durch die Einwirkung des Heilkundlers verursachte Lenkungen des Patienten zu erkennen und zu vermeiden. So wie Carl Rogers solches zu vermeiden trachtet. So gehörte – ohne es so zu nennen – eine „Ausbildung“ in der Roger'schen Technik zum praktischen Kurs.

Dazu gehört das, was man heute in der Heilkunde, zumindest als Kassenpatient, kaum noch findet. Man kann einfach mal alles ansprechen, muss sich nicht kurz fassen und möglich gleich nur die Fakten nennen, die der Behandler hören will, weil der so besonders rasch zum Ziele kommen will.

Man kann nicht „lösungszentriert“ auf eine Ziel zugehen, wenn man die Zusammenhänge und möglichen Ursachen gar nicht kennt. Die kennt man aber erst, nachdem man alles gehört hat. Erst danach kann man erkennen, was miteinander zu tun haben könnte und in diesem individuellen Falle letztlich von Bedeutung ist. Erst, wenn man alles kennt, was zu erfahren ist, erst dann ist das Wichtige zu erkennen. Heilkundler sind keine Hellseher und wer vorher schon meint, zu wissen, was wichtig sein könnte ist eben durch Vorurteile blind.

Lernen wir von Hahnemann:

§84: Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden; die Angehörigen erzählen seine Klagen, sein Benehmen, und was sie an ihm wahrgenommen; der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne, was verändert und ungewöhnlich an demselben ist. Er schreibt alles genau mit den nämlichen Ausdrücken auf, deren der Kranke und die Angehörigen sich bedienen. Wo möglich läßt er sie stillschweigend ausreden, und wenn sie nicht auf Nebendinge abschweifen, ohne Unterbrechung 

Ausreden lassen. Der Patient erzählt, wenn nötig und möglich Angehörige anhören, die vielleicht etwas, was der Patient nicht bemerkt, erleben. Dann alles, was er Heilkundler durch die übrigen Sinne – dazu gehören allen mögliche Diagnoseverfahren, auch die die Hahnemann noch gar nicht kannte – ebenfalls berücksichtigen.

Und wichtig, nicht unterbrechen (ob etwas nebensächlich ist, ergibt sich vielleicht erst, wenn man es kennt!), denn Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden und es fällt ihnen hinterdrein nicht alles genau so wieder ein, wie sie es Anfangs sagen wollten.

Und ganz wichtig: Es ist so zu notieren, wie es der Patient gesagt hat, mit dessen Worten. Der Heilkundler soll die Ausdrucksweise, die Sprache, des Patienten lernen. Nicht umgekehrt. Das ist das Manko eines jeden Fragebogens. Der Heilkundler hat mit seinen Worten etwas vorformuliert, was der Patient dann vielleicht ganz anders versteht, als gemeint. Fragebögen für Patienten wären nicht in Hahnemanns Sinne

Dann erst, wenn der ungelenkte (!) Vortrag es Patienten tatsächlich beendet ist, wird ergänzend zu den einzelnen vorgetragenen Punkten nachgefragt.

Und das ohne, dem Patienten etwas in den Mund zu legen (suggestive Fragen). Fragen, die nur einfach mit ja und nein zu beantworten wären, sind nicht gewünscht. Denn aus der Antwort, im zusammenhängenden Text, die der Patient gibt, können nicht selten zusätzliche Informationen gewonnen werden. Über den präzisen Text der Frage hinaus. Hier wieder die Empfehlungen von Rogers: Halbe Sätze, die der Patient nach seinem Verständnis, gemäß dem, was er damit assoziiert, beantworten kann.

Hahnemann formuliert das so:

Ist nun bei diesen freiwilligen Angaben von mehren Theilen oder Functionen des Körpers oder von seiner Gemüths-Stimmung nichts erwähnt worden, so fragt der Arzt, was in Rücksicht dieser Theile und dieser Functionen, so wie wegen des Geistes oder Gemüths-Zustandes des Kranken noch zu erinnern sei, aber in allgemeinen Ausdrücken, damit der Berichtgeber genöthigt werde sich speciell darüber zu äußern.

Und

Hat nun der Kranke - denn diesem ist in Absicht seiner Empfindungen (außer in verstellten Krankheiten) der meiste Glaube beizumessen - auch durch diese freiwilligen und bloß veranlaßten Aeußerungen dem Arzte gehörige Auskunft gegeben und das Bild der Krankheit ziemlich vervollständigt, so ist es diesem erlaubt, ja nöthig (wenn er fühlt, daß er noch nicht gehörig unterrichtet sei), nähere, speciellere Fragen zu thun

Wichtig, Hahnemann weist darauf hin, ist es, dass die Lebensumstände des Kranken zu betrachten sind (auch wegen Heilungshindernissen):

Bei Erkundigung des Zustandes chronischer Krankheiten, müssen die besondern Verhältnisse des Kranken in Absicht seiner gewöhnlichen Beschäftigungen, seiner gewohnten Lebensordnung und Diät, seiner häuslichen Lage u.s.w. wohl erwogen und geprüft werden, was sich in ihnen Krankheit Erregendes oder Unterhaltendes befindet, um durch dessen Entfernung die Genesung befördern zu können 

Doch da lauern die nächsten Gefahren. Gerade darüber, wie ein Mensch sich verhalten soll, wie er sein tägliches Leben ausrichten soll, wie er sich ernähren sollte usw. gibt es ideologische Vorgaben, rein statistisch pauschale „Erkenntnisse“, die nichts mit dem individuellen Patienten zu tun haben. Gerade dieser Patient mit seinen Besonderheiten ist eben zum Vegetarier völlig ungeeignet. Er kommt am besten zurecht, wenn er sich Termine setzt, aber darunter keinen zur meditativen Einkehr.

Wie schnell ist man mit Empfehlungen dabei: Man sollte...., man müsste..., es wäre gut …? Es geht nicht um „man“, um statistische Aussagen, um Weltanschauung. Es geht um diesen einem Menschen. Und es ist egal, welche der Heilkundler hat und für sich am Besten findet. Er soll doch nicht sich heilen.

Diese Haltung kann sehr schwer sein. Wie oft kann es vorkommen, dass ein Patient etwas zum Ausdruck bringt, was dem Heilkundigen total zuwider ist. Es geht aber nicht darum, den anderen so zu machen, wie es der Heilkundler wünscht. Er muss neutral bleiben und darf – siehe Rogers – mit keiner Wimper strafend oder lobend zucken.

Man kann das. Ein großen Hindernis dabei kann eben die eigene gemachte Erfahrung sein. Wer in die Heilkunde geht, weil er selbst bestimmte Krankheiten hatte, die er gemäß seinen ganz persönlichen Erfahrungen heilen will, läuft Gefahr, in einer Sackgasse zu landen. Wer in die Heilkunde geht, weil er bestimmte Ideen fördern will, sich gar berufen sieht, diese zu verbreiten, sollte sich der Verantwortung für das Individuum, das ihm vertraut, bewusst sein.

Auch der Autor hat sich in den über 30 Jahren Heilkundetätigkeit, auf der Basis der Ideen von Hahnemann, immer wieder gefragt, ob er nicht selbst lenkt. Ja er tut es, aber in die Richtung einer fast schon anarchisch individuellen Heilkunde, in der er immer wieder sich selbst hinterfragt. Ganz im Sinne von C. Rogers.

Die Therapie beginnt im Grunde bei und mit dieser Form der Fallaufnahme. Der Patient reflektiert viel über sich und sein Verhalten, erkennt vielleicht eine ganze Menge an Zusammenhängen betreffend seinen Beschwerden. Er wird damit vielleicht in die Lage versetzt, von sich aus entsprechende Schlüsse zu ziehen. Ein Patient (vor etwas 30 Jahren) sagte mir danach: "Ich weiß nun, was ich falsch mache, ich brauche keine Arznei." Wenn wir uns später begegneten, erinnerte er immer wieder an diese Worte und sagte, dass er, beim Wiederauftreten der damaligen Beschwerden, gleich wieder sein (Bewegungs-)Verhalten überprüft und. ggf. wieder ändert.

Ich empfinde es nicht als nachteilig, dass es so ist, dass die homöopathische Fallaufnahme bereits den Weg in die "Gesundung" zeigen kann. Doch als Plazebowirkung sehe ich das nicht. Der Patient "bildet sich nichts ein", er erkent und handelt aktiv. Homöopathische "Heilkunst" ist mehr als nur Kügelchen geben. Es wäre nachdenkenswert für andere Therapierichtungen, ob nicht auch deren Erfolge durch solche "Interaktion" mit dem Patienten vermehrt werden könnten.

Mit diesem Zitat möchte ich diese grundsätzlichen Ausführungen zur Fallaufnahme schließen:
§98
So gewiß man nun auch, vorzüglich den Kranken selbst über seine Beschwerden und Empfindungen zu hören und besonders den eignen Ausdrücken, mit denen er seine Leiden zu verstehen geben kann, Glauben beizumessen hat, - weil sie im Munde der Angehörigen und Krankenwärter verändert und verfälscht zu werden pflegen, - so gewiß erfordert doch auf der andern Seite, bei allen Krankheiten, vorzüglich aber bei den langwierigen, die Erforschung des wahren, vollständigen Bildes derselben und seiner Einzelheiten besondere Umsicht, Bedenklichkeit, Menschenkenntniß, Behutsamkeit im Erkundigen und Geduld, in hohem Grade

In der Fortsetzung gehe ich auf die Vorgehensweise und Hintergründe dazu bei der Fallaufnahme ein. Auch im Blick auf die Erstellung von Arzneiwirkbildern am Gesunden. Aus denen man dann die passende Arznei wählt, mit Hilfe von Symptomenverzeichnissen (Repertorien).

Copyright Klaus-Uwe Pagel 01.2015

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