Samstag, 24. Januar 2015

Die Homöopathie sieht (chronische) Krankheiten im Zusammenhang - Fallaufnahme 2

Die Fallaufnahme in der Homöopathie – Teil 2

Grundlage der Anamnese (Fallaufnahme), die immer durch alle notwendigen Untersuchungen mit allen sinnvollen Hilfsmitteln vervollständigt werden muss, ist, dass zunächst der Patient frei und ungelenkt, auch nicht von Zeitdruck gehetzt oder gar von Vorstellungen und Ideen des Heilkundlers in irgend eine Form gepresst, alles schildern darf/soll, was von ihm aus als nötig angesehen wird. Auch wenn sich hinterher (vorher weiß man es nicht) etwas als nicht relevant herausstellen sollte. Nicht Gesagtes ist nicht bekannt und kann deswegen zu Fehlern führen. Ein Fazit aus dem ersten Teil. http://pagelsheilkundetexte.blogspot.de/2015/01/die-homoopathie-individualisiert.html


Zu dem Gesagten und möglichst im Sprachgebrauch des Patienten Notierten muss dann weiter nachgefragt werden. Natürlich darf und muss bereits während des Vortrags des Patienten gefragt werden, wenn etwas nicht verstanden (von Wort oder Ausdruck) wurde. Aber nicht bereits zu einzelnen Punkten inhaltlich nachfragen. Denn das kann den Gedankenfluss des Patienten abreißen lassen und/oder in falsche Richtungen lenken.

Nachfragen zum Inhalt nach dem abgeschlossenen Spontanbericht. Das ist etwas, was mir immer wieder auffällt und aufgefallen ist, was häufig fehlt, diese Reihenfolge so einzuhalten, wenn Patienten bei Heilkundlern Rat suchen. Als ob diese schon alles vorab wüssten. Vielleicht sogar besser als der Patient. Das war Hahnemann völlig klar und als Fehlerquelle für eine richtige Behandlung offenkundig.

Zu den einzelnen beklagten Beschwerden ist dann genau festzustellen, was alles damit zu tun haben könnte und wie. Er gibt in seinem Organon auf vielen Seiten Beispiele für solche Fragen. Hier nur ein paar Zitate:

eher allgemein zu allen Beschwerden passend

Wie oft kommt diese, wie oft jene Beschwerde; auf welche jedesmalige Veranlassung kommt sie? im Sitzen, im Liegen, im Stehen oder bei der Bewegung? bloß nüchtern, oder doch früh, oder bloß Abends, oder bloß nach der Mahlzeit, oder wann sonst gewöhnlich?

oder z.B. im Zusammenhang mit Schlafstörungen

Wie gebehrdet oder äußert der Kranke sich im Schlafe? wimmert, stöhnt, redet oder schreiet er im Schlafe ? erschrickt er im Schlafe? schnarcht er beim Einathmen, oder beim Ausathmen? Liegt er einzig auf dem Rücken, oder auf welcher Seite? Deckt er sich selbst fest zu, oder leidet er das Zudecken nicht? Wacht er leicht auf, oder schläft er allzu fest? Wie befindet er sich gleich nach dem Erwachen aus dem Schlafe ?

Was, wann, wie, wo, wodurch, wie lange, seit wann, entstanden – gebessert – verschlechtert – usw. So das genaue Nachfragen gestalten.

Er erklärt, warum so penibel vorgegangen werden muss – bei chronischen Krankheiten –, welche ja heute noch immer die scheinbar kaum Heilbaren sind. Warum sonst so langwierige Arzneigaben mit nicht selten immer mehr Arzneien dazu? Jahre lang, das Leben lang.

§95 Die Erforschung der obgedachten und aller übrigen Krankheitszeichen, muß deßhalb bei chronischen Krankheiten so sorgfältig und umständlich als möglich geschehen und bis in die kleinsten Einzelheiten gehen, theils weil sie bei diesen Krankheiten am sonderlichsten sind, denen in den schnell vorübergehenden Krankheiten am wenigsten gleichen, und bei der Heilung, wenn sie gelingen soll, nicht genau genug genommen werden können; theils weil die Kranken der langen Leiden so gewohnt werden, daß sie auf die kleinern, oft sehr bezeichnungsvollen (charakteristischen), bei Aufsuchung des Heilmittels viel entscheidenden Nebenzufälle wenig oder gar nicht mehr achten und sie fast für einen Theil ihres natürlichen Zustandes, fast für Gesundheit ansehen, deren wahres Gefühl sie bei der, oft fünfzehn-, zwanzigjährigen Dauer ihrer Leiden ziemlich vergessen haben, es ihnen auch kaum einfällt, zu glauben, daß diese Nebensymptome, diese übrigen, kleinern oder größern Abweichungen vom gesunden Zustande, mit ihrem Hauptübel im Zusammenhange stehen könnten.

Er hat recht, gar manches, was von Bedeutung sein könnte, ist für den Patient vielleicht schon so „normal“ geworden, dass er ohne intensives Nachfragen das kaum benennt. Schlimmer noch erscheint mir, dazu habe ich oft Erfahrungen machen müssen, dass Patienten, wenn sie zuvor bei einem anderen Behandler waren, oft nur schildern, was diesem wichtig erschienen war, oder wonach dieser nur gefragt hatte. Für viele Patienten ist es ungewöhnlich, dass sie einfach mal frei erzählen dürfen und dass man ihnen zu hört.

Auch hier erfolgt immer wieder die unüberlegte Kritik an der Homöopathie, dass solche „Zuwendung“ das Placeboprinzip der Homöopathie belegen könnte. Fachlich völlig daneben. Es geht nicht um die umstrittenen Arzneianwendung (worauf sich die Kritik eher beziehen könnte). Es geht um etwas, was jeder Heilkundler anwenden sollte. Etwas, das eben nichts mit „Kügelchen“ zu tun hat.

Welcher Heilkundler will heute noch ernsthaft bestreiten, dass eine gute Fallaufnahme, die dem Patienten zeigt, dass auch seine Person wichtig ist – und die ihm hilft, von sich aus manches zu erkennen – einen wesentlichen Anteil am Behandlungserfolg hat?

Ist solchen Kritikern nicht bewusst, dass immer wieder bewiesen wird, welchen wichtigen Teil eben solche Heilwirkung des Gespräches und der inneren Haltung des Patienten zur Maßnahme hat? Bei jedem klinischen Arzneiversuch (zur Zulasssung z.B.) finden sich, je nach Beschwerden bis zu 60 % Besserungen bei wirkstoffreien Vergleichsarzneien. Und das sogar, ohne dass man Wirkungen des Gesprächs, der Fallaufnahme, einfließen lassen will. Bei Probanden, die wissen, dass sie „Versuchskaninchen“ sind. Wenn man dann die vermuteten Wirkungen des „echten“ Arznei statistisch auflistet, vergisst man immer wieder, die nachgewiesene „Placebowirkung“ abzuziehen. Haben 50 % der „Placebopatienten“ Wirkungen gezeigt und bei der „Verumgruppe“ 70 %, so darf man im Grunde nur 25 % der Wirkung der Arznei zumessen. Bei eben der Hälfte hätte es auch ohne den Wirkstoff Wirkungen gegeben!

Heilkunde, gerade bei chronischen Erkrankungen, beginnt eben schon, wenn der Patient das erste Wort sagt.

Wie modern Hahnemann, nur aus seinen Beobachtungen und seinen Erfahrungen als praktizierender Heilkundler war, zeigt sich in den Vorschriften zur Fallaufnahme.

Ohne Gene zu kennen, war ihm klar, dass Eltern, Vorfahren und deren Erkrankungen wichtig sein können. Danach wird natürlich gefragt. Familienanamnese ist in der Homöopathie eine Selbstverständlichkeit. Und wichtig ist auch, das Befinden des Patienten, bevor seine Beschwerden sichtbar wurden. Es wird selbstverständlich gefragt, wie früher die jetzt auffälligen Funktionen und/oder Körperteile waren.

Dann natürlich besondere Bedingungen in der Vorgeschichte. Hier soll ein Zitat aus einer Anmerkung zu § 93 genügen:

Den etwanigen entehrenden Veranlassungen, welche der Kranke oder die Angehörigen nicht gern, wenigstens nicht von freien Stücken gestehen, muß der Arzt durch klügliche Wendungen der Fragen oder durch andere Privat-Erkundigungen auf die Spur zu kommen suchen. Dahin gehören: Vergiftung oder begonnener Selbstmord, Onanie, Ausschweifungen gewöhnlicher oder unnatürlicher Wohllust, Schwelgerei in Wein, Liqueuren, Punsch und andern hitzigen Getränken, Thee, oder Kaffee,- Schwelgen in Essen überhaupt oder in besonders schädlichen Speisen, - venerische oder Krätz-Ansteckung, unglückliche Liebe, Eifersucht, häußlicher Unfriede, Aergerniß, Gram über ein Familien-Unglück, erlittene Mißhandlungen, verbissene Rache, gekränkter Stolz, Zerrüttung der Vermögensumstände, - abergläubige Furcht, - Hunger- oder etwa ein Körpergebrechen an den Schamtheilen, ein Bruch, ein Vorfall u.s.w.

Problematisch ist Hahnemanns Vorschlag, bei solchen „Veranlassungen“ welcher der Kranke eher verschweigen würde, heimlich Angehörige zu befragen. Heimliches Handel ist heute ein Verstoß gegen die freie Selbstbestimmung. Außer vielleicht bei psychischen Erkrankungen, bei denen der Patient nicht frei entscheiden kann, eben wegen der Krankheit. Das ist ein neues Thema.

Doch, wenn der Patient Vertrauen fassen kann, vielleicht auch, weil er sich angenommen fühlt, er darf ja sprechen, muss ja nicht mit moralischer Verurteilung oder ähnlichen rechnen. Der Heilkundler hat ja neutral zu sein und den Patienten so nehmen wie er ist. Es geht nicht um Vorurteile, religiöse, ethische, politische oder sonstige Eigenheiten des Behandlers. Damit wäre er im Beruf dann falsch.

Nicht zu übersehen ist in dem Zitat, dass auch soziale Umstände und psychische „Belastungen“ ebensolche Rolle spielen können wie falsche/unangemessene Ernährung oder ungünstiges Verhalten (Bewegungsmangel, übertriebener Sport z.B.).

Doch es ist ein Trost, dass nicht immer die Fallaufnahme so aufwendig und langwierig sein muss. Er unterscheidet von den chronischen Krankheiten die akuten Krankheiten und erst vor Kurzem entstandenen Krankheiten:

§ 99 Im Ganzen wird dem Arzte die Erkundigung acuter, oder sonst seit Kurzem entstandener Krankheiten leichter, weil dem Kranken und den Angehörigen alle Zufälle und Abweichungen von der, nur unlängst erst verlorenen Gesundheit, noch in frischem Gedächtnisse, noch neu und auffallend geblieben sind. Der Arzt muß zwar auch hier alles wissen; er braucht aber weit weniger zu erforschen; man sagt ihm alles größtentheils von selbst.


Hahnemann kannte keine Krankheitserreger, die Ansteckungen und entsprechende Infektionskrankheiten machen. Diese Infektionskrankheiten sind nach seiner Einordnung Akutkrankheiten, keine chronischen. Mit äußerer Verursachung, denn Bakterien und Viren kommen ja tatsächlich von Außen. http://pagelsheilkundetexte.blogspot.de/2015/01/akutkrankheiten-in-der-homoopathie.html


Es mag zwar sein, dass mit heutigem Wissen, bestimmte Erreger eine Infektionskrankheit verursachen. Doch Hahnemann erkannte, dass die scheinbar gleiche Verursachung längst nicht den gleichen Krankheitsverlauf erzeugen muss. Wir wissen, dass keine jährlich wieder auftretende Grippe der anderen gleicht. Heute wissen wir, dass und wie sich die Erreger verändern.

Deswegen ist sein Forderung immer noch aktuell:

§ 100  Bei Erforschung des Symptomen-Inbegriffs der epidemischen Seuchen und sporadischen Krankheiten, ist es sehr gleichgültig, ob schon ehedem etwas Aehnliches unter diesem oder jenem Namen in der Welt vorgekommen sei. Die Neuheit oder Besonderheit einer solchen Seuche macht keinen Unterschied weder in ihrer Untersuchung, noch Heilung, da der Arzt ohnehin das reine Bild jeder gegenwärtig herrschenden Krankheit als neu und unbekannt voraussetzen und es von Grunde aus für sich erforschen muß, wenn er ein ächter, gründlicher Heilkünstler sein will, der nie Vermuthung an die Stelle der Wahrnehmung setzen, nie einen, ihm zur Behandlung aufgetragenen Krankheitsfall weder ganz, noch zum Theile für bekannt annehmen darf, ohne ihn sorgfältig nach allen seinen Aeußerungen auszuspähen;

Wie wahr! Und bei manchen Infektionskrankheiten, insbesondere wieder die Grippe (Influenza), zeigt sich die Neuheit schon darin, dass die Impfung des Vorjahres heute kaum noch etwas bringen könnte.

Nicht nur das Zuhören und Aufnehmen der Worte des Patienten ist Gegenstand der Fallaufnahme. Der Heilkundler bringt sich und seine Wahrnehmungen als Diagnostikinstrument mit ein. Dazu der § 90 des Organon:


Ist der Arzt mit Niederschreibung dieser Aussagen fertig, so merkt er sich an, was er selbst an dem Kranken wahrnimmt  Z. B. Wie sich der Kranke bei dem Besuche gebehrdet hat, ob er verdrießlich, zänkisch, hastig, weinerlich, ängstlich, verzweifelt oder traurig, oder getrost, gelassen, u.s.w.; ob er schlaftrunken oder überhaupt unbesinnlich war? ob er heisch, sehr leise, oder ob er unpassend, oder wie anders er redete? wie die Farbe des Gesichts und der Augen, und die Farbe der Haut überhaupt, wie die Lebhaftigkeit und Kraft der Mienen und Augen, wie die Zunge, der Athem, der Geruch aus dem Munde, oder das Gehör beschaffen ist? wie sehr die Pupillen erweitert, oder verengert sind? wie schnell, wie weit sie sich im Dunkeln und Hellen verändern? wie der Puls? wie der Unterleib? wie feucht oder trocken, wie kalt oder heiß die Haut an diesen oder jenen Theilen oder überhaupt anzufühlen ist? ob er mit zurückgebogenem Kopfe, mit halb oder ganz offenem Munde, mit über den Kopf gelegten Armen, ob er auf dem Rücken, oder in welcher andern Stellung er liegt? mit welcher Anstrengung er sich aufrichtet, und was von dem Arzte sonst auffallend Bemerkbares an ihm wahrgenommen werden konnte.


und erkundigt sich, was demselben hievon in gesunden Tagen eigen gewesen.



Wenn die Fallaufnahme, nebst allen Untersuchungen, Laboranalysen usw. fertig ist, dann beginnt die Arbeit des Sichtens, Sortierens, Gewichtens und das Erarbeiten der angemessensten Arznei bzw. anderer Therapie. Dann ist zu überlegen, ob und wie Heilungshindernisse beseitigt werden können. Neben denen, die der Patient für sich selbst schon erkannt haben könnte – gerade durch die intensive Fallaufnahme.

Dazu ist immer zu berücksichtigen, ob und welche Arzneien und Therapien bereits erfolgten/ noch laufen. Denn das kann das Befinden aus diesen Therapien heraus verändern, gar eigene Symptome machen (siehe Abschnitt „iatrogne Krankheiten“ im Beitrag zu Akuten Krankheiten in der Homöopathie http://pagelsheilkundetexte.blogspot.no/2015/01/akutkrankheiten-in-der-homoopathie.html)

Jede Fallaufnahme birgt die Gefahr in sich, durch subjektive, eingeschränkte Wahrnehmung zu übersehen, misszudeuten, etwas hineinzudenken und so den Patienten nicht wirklich zu erkennen. Sie ist stark auch davon abhängig, was der Patient wie sagt. Auch die heutige Vorgehensweise, kurz und knapp nach (einzelnen) Symptomen zu suchen, mit vorgegebenen Fragen des Heilkundler, mit sehr wenig Zeit und Bereitschaft, erst einmal alles berichten zu lassen und danach nach möglichem Wichtigen zu sehen, ist nichts anderes als subjektiv und bietet noch größere Fehlermöglichkeiten. Was der Vorgehensweise nach Hahnemann jedoch größere Objektivitätschancen bietet, ist auch das Wissen des Heilkundlers um die Fehlerquellen und das von ihm erwartete Bemühen, diese auszuschließen. Ähnlich wie C. Rogers für seine personenzentrierte Gesprächstherapie fordert, muss auch der Homöopath immer schon im Gespräch auf sich achten, ob er "direktiv" wird und vielleicht eigene Ideen einwebt. Regelmäßige Supervisionen können dabei helfen.

Copyright Klaus-Uwe Pagel 01.2015


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