Sonntag, 15. Februar 2015

Ernährung und Homöopathie

Homöopathie nach Hahnemann – Bedeutung der Ernährung


Die Homöopathie nach Hahnemann ist nicht (allein) das Propagieren der Verabreichung von (Zucker-) „Kügelchen“. Sie stellt im Grunde ein umfangreiches „Lehrgebäude“ dar (in Gestalt des „Organon der Heilkunde“) für eine ganzheitliche Sicht der Heilkunde, für das Verständnis von Gesundheit und Krankheit.

Hahnemann stellte das Befinden des Menschen, seine selbsterhaltende Anpassung, körperlich und psychisch, mittels des „Lebensprincipes“, der Lebenskraft, in den Zusammenhang auch mit seinem sozialen Umfeld, den Umweltfaktoren und dabei auch seiner Ernährung.

Siehe dazu auch das Feld der Fallaufnahme:


Dieses Lebensprinzip, die Lebenkraft ist dabei nichts, was „höheren Sinn“ enthält, „Geistigen Sphären“ entspringt, geheimnisvolle spirituelle „Energien“ entwickelt. Es hat nichts mit „Vorleben und Reincarnation“ zu tun, schöpft nicht aus dem „Pool eines kollektiven Un(ter)bewussten“. Es ist schlicht ein somato-psychisch-somatisches physiologisches Regulationssystem.

Zitat aus § 34 Organon: „... das instinktartige, keiner Ueberlegung und keiner Rückerinnerung fähige Lebensprincip...

Was Hahnemann zur Therapie der akuten Krankheiten feststellt, kann von der Lebenskraft her auch auf chronische übertragen werden (§263)

Zwar geht das Verlangen des acut Kranken, an Genüssen und Getränken, größtentheils auf palliative Erleichterungsdinge; sie sind aber nicht eigentlich arzneilicher Art und bloß einem derzeitigen Bedürfniß angemessen.

Auch Verlangen oder Abneigung gegenüber Speisen ist Ausdruck, Symptom, der Regolation zur Selbsterhaltung. Im Gesunden wie zum „Überleben“ bei Krankheiten (Vikariationssymptome).

Siehe:


Über die Wahl oder Ablehnung von Speisen während akuter Krankheiten versucht die Lebenskraft die Bemühungen des Organismus, Angriffe von Außen abzuwehren, zu unterstützen. Diese Wahl wird zu einer „Kampfhilfe für die Gegenwehr“. Bei chronischen Krankheiten passt sich die Wahl der Speisen und Getränke den jeweiligen Regulationsnotwendigkeiten an. Es ist der Versuch, einen gestörten Regelbereich zu entlasten oder irgendwie auszugleichen. Das kommt aus der Störung und den dazu gehörenden Kompensationsversuchen selbst her. Verlangen oder Abneigung, auch Unverträglichkeit von Speisen und Getränken, gehören zu den Symptomen der chronischen Krankheit.

Wenn die Krankheit geheilt ist, dann verschwinden diese Symptome von selbst. Bei der akuten (gesunden) Gegenwehr wie bei der chronischen Kompensation.

Für eine Therapie im Sinne der Homöopathie wäre es nicht sinnvoll, durch Vorgaben von außen diese Ernährungsweise zu verbieten oder eine andere vorzuschreiben.

Bei der Wahl des passenden Arzneimittels wurde ja immer auch das mit einbezogen, was der Patient individuell an „Erleichterungsdingen“ braucht. Das gehört zum Gesamtbild der Krankheit, der Regulationsstörung, zwingend dazu.

Es wäre absurd, eine Arznei zu wählen, die genau diese Ernährungssymptome im Prüfbild hat (Vorlieben, Abneigungen usw.), weil eben der Patient diese zeigt, und dann den Patienten „künstlich“ zu verändern, indem man diese Ernährungsweise verbietet oder umstellt. Man würde den Patienten dann so verändern, dass seine innere Regulation nicht mehr zur Arznei passen würde. Eine Arznei, die gewählt wurde, weil der chronisch Kranke einen Hang zum Alkoholismus oder Selbststimmulation durch große Kaffeemengen zeigt, hat diese Symptome bei der Arzneiprüfung am Gesunden (ein späteres Thema) erzeugt. Man schafft einen anderen Patienten, wenn man diesen sich anders ernähren lässt.

Wieso sollte diese Arznei dann unwirksam sein/werden, wenn diese Symptome vorliegen? Vielmehr werden diese „Ernährungsvorlieben“, sofern sie „krankheitsbedingt“ waren, mit zunehmender Besserung von selbst verschwinden. Diese zuvor „Symptomen (Beschwerden) lindernde „Kompensation“ wird ja unnötig.

Es ist zu unterscheiden zwischen „Ernährungssymptomen“ als Ausdruck der bestehenden chronischen Krankheiten oder Ernährung als auslösende oder Krankheit unterhaltende Ursache.

Im § 74 heißt es

Was die acuten Krankheiten betrifft, so sind sie theils solche, die den einzelnen Menschen befallen auf Veranlassung von Schädlichkeiten, denen gerade dieser Mensch insbesondere ausgesetzt war. Ausschweifungen in Genüssen, oder ihre Entbehrung,...

Über“fressen“, oft mit Speisen oder Getränken, die ungewohnt starke/einseitige Bestandteile enthielten, konnten solche „Auslöser“ werden: Zu viel Alkohol, zu fettes oder einfach zu vieles Essen. Aber auch unangemessenes/unangebrachtes Fasten. Vergiftungen akut, auch Infektionen durch verdorbenes Essen. Zu Hahnemanns Zeiten waren Lebensmittel nicht selten Schadstoff haltig, man musste wegen des Mangels nicht selten auch „grenzwertig“ Verzehrstaugliches essen. Manches Verderbnis wurde gar nicht erkannt.

Der § 77 erklärt:

Uneigentlich werden diejenigen Krankheiten chronische benannt, welche Menschen erleiden, die sich fortwährend vermeidbaren Schädlichkeiten aussetzen, gewöhnlich schädliche Getränke oder Nahrungsmittel genießen, … zum Leben nöthige Bedürfnisse anhaltend entbehren, ...

Mit anderen Worten: Wer, warum auch immer, einen Lebensstil pflegt, der nicht individuell zu ihm passt – sofern er nicht Folge chronischer Erkrankung ist, damit ein Symptom dessen -, der braucht keine Arznei. Der sollte erkennen, was er falsch macht, und das ändern. Dazu kann der Heilkundige helfen. Schon eine gut gemachte Fallaufnahme kann hier zur Einsicht führen, da der Patient dabei ja manches über sich selbst „erarbeitet“.


Man muss unterscheiden: Manche Ernährungsweise ist einfach den jeweiligen Umständen (z.B. Katastrophensituationen) geschuldet oder durch den Lebensraum vorgegeben. So wird man in Grönland anders essen müssen, als in Thailand. Würde man hier die dem Lebensraum angemessene Ernährungsweise anhaltend ändern, so könnte auch das zu „Symptomen“ führen. Wäre aber keine primäre Störung der Lebenskraft (chronische Krankheit) sondern „Blödsinn“. Der vielleicht durch Ideologien der Ernährung oder „Moden“ angestoßen wurde.

Manche „Ernährungstherapie“ kann so individuell zu Krankheiten (vermeidbare, iatrogene) führen.


Die Ernährungsweise, Genussgifte/Genussmittel, die nicht zum „normalen“ Gebrauch geworden sind (dann vielleicht als Symptom einer Krankheit?) haben Wirkungen auf das selbsterhaltende Selbstregulationssystem, die Lebenskraft. Akut genossen können solche Stoffe wie eine Arznei vorübergehend das „Symptomenbild“ verändern.

Das hat für die Arzneiprüfung am Gesunden wesentliche Bedeutung. Der Gesunde soll die Symptome entwickeln, die die jeweils zu prüfende homöopathische Arznei erzeugt. Weitere, eigene arzneiliche Wirkungen entfaltende Stoffe sind dabei fern zu halten.

§ 124
     Jeden Arzneistoff muß man zu dieser Absicht ganz allein, ganz rein anwenden, ohne irgend eine fremdartige Substanz zuzumischen, oder sonst etwas fremdartig Arzneiliches an demselben Tage zu sich zu nehmen, und eben so wenig die folgenden Tage, so lange als man die Wirkungen der Arznei beobachten will.


§ 125
Während dieser Versuchszeit, muß auch die Diät recht mäßig eingerichtet werden, möglichst ohne Gewürze, von bloß nährender, einfacher Art, so daß die grünen Zugemüße und Wurzeln (1)
1) Junge grüne Erbsen (Schoten), grüne Bohnen, über Wasser-Dampf gesottene Kartoffeln und allenfalls Möhren (Mohrrüben) sind zulässig, als die am wenigsten arzneilichen Gemüße.
und alle Salate und Suppenkräuter (welche sämmtlich immer einige störende Arzneikraft, auch bei aller Zubereitung behalten) vermieden werden. Die Getränke sollen die alltäglichen sein, so wenig als möglich reizend 2).


Man beachte: Es geht hier nur um die Arzneiprüfung am Gesunden. Keinesfalls will Hahnemann damit etwas über eine gesunde Ernährung aussagen!
2) Die Versuchsperson muß entweder an keinen Wein, Branntwein, Kaffee noch Thee gewöhnt sein, oder sich diese theils reizenden, theils arzneilich schädlichen Getränke schon längere Zeit vorher völlig abgewöhnt haben.
Zur Zeit Hahnemanns waren solche Dinge wie Kaffee oder Tee längst nicht – wie heute – zum tagtäglichen „Gebrauchsgegenstand“ in weiten Teilen der Bevölkerung geworden. Doch auch damals wurde „gesoffen“ – aber auch nicht von allen. Das, was er mit „Gewöhnung“ meinte, hat im Grunde mit einem Krankheitssymptom zu tun, der Sucht oder Abhängigkeit. Und das sind dann eben keinen „Gesunden“, die für eine Arzneiprüfung zu benutzen wären. Wie will man denn das Prüfsymptom „Verlangen nach Kaffee“ bei jemandem erkennen, der das sowieso schon hat?


Der § 259 kann entsprechend missverstanden werden:
Bei der so nöthigen als zweckmäßigen Kleinheit der Gaben, im homöopathischen Verfahren, ist es leichtbegreiflich, daß in der Cur alles Uebrige aus der Diät und Lebensordnung entfernt werden müsse, was nur irgend arzneilich wirken könnte, damit die feine Gabe nicht durch fremdartig arzneilichen Reiz überstimmt und verlöscht, oder auch nur gestört werde.


Wenn jemand – zum Mittelbild der ausgewählten Arznei gehörend – Verlangen nach Kaffee hat, dann ist das kein FREMDARTIG ARZNEILICHER REIZ. Das wäre es, wenn es sich um eben ungewohnte, ausnahmsweise „Einnahmen“ handeln würde.

Die Wirkungen der richtig gewählten Arznei, die das vorhandene Symptom „Verlangen nach Kaffee“ im Bild hat, wird eben nicht durch Kaffee aufgehoben. Dann hätte man das Symptom: „Kaffeetrinken hebt das Verlangen danach auf“, hebt die Arzneiwirkung also auf. Genau das ist nicht der Fall. Die Arznei hält das Verlangen nach Kaffee aufrecht, auch wenn der Betreffende ständig davon trinkt. Die Arznei heilt trotzdem das krankhafte Verlangen nach Kaffee.


Der arzneiliche Reiz ist dann der Arznei fremdartig, wenn er nicht zu den Arzneisymptomen gehört und den Arzneisymptomen entgegenwirkt bzw. eigene Symptome machen kann. Eben selbst zum eigenständigen Symptomenauslöser (unechte chronische Krankheit) werden kann.

Wer ständig oder immer wieder Kaffee trinkt (vielleicht, weil es zum „Insein“ gehört), auch wenn er es aus sich heraus gar nicht braucht, der ist „arzneifremden“ Reizen ausgesetzt, die zu entfernen wären. Denn das würde selbst Symptome auslösen und könnte einfach nicht zum Verschwinden des Symptoms führen: Heilungshindernis.

Unter diesem Aspekt sollte man auch die Gabe von sogenannten Nahrungsergänzungsmittel sehen, die über die „Wirkung“ der normalen Ernährung hinaus, besondere Wirkungen im Organismus erzeugen sollen bzw. bestimmte Funktionen verändern sollen.

Noch einmal: Symptome des Kranken, die aus der „Störung der Lebenskraft“ entstehen, also die chronische Krankheit anzeigen, gehören zu diesem Kranken. Und gehören demnach zur passenden Arznei. Sie werden deren Wirkung nicht stören, denn die Arzneikraft passt genau ins gestörte System. Regt dieses zur „Selbstregulation“ an. Manches Verbieten oder Vorschreiben vermag dann kontraproduktiv zur Heilung zu wirken.

Achtung: Das Weglassen gewohnter Substanzen kann zu Symptomen führen (z.B. Entzug). Ebenso einen Ernährungsumstellung. Das kann dann zum Heilungshindernis werden.

Der § 260 versucht es noch einmal zu verdeutlichen:

Für chronisch Kranke ist daher die sorgfältige Aufsuchung solcher Hindernisse der Heilung um so nöthiger, da ihre Krankheit durch dergleichen Schädlichkeiten und andere krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung gewöhnlich verschlimmert worden war 

Es sind primär Fehler in der Lebensordnung (scheinbare, unechte, chronische Krankheiten), die neben den Symptomen der echten chronischen Krankheiten bestehen können und letztere unterhalten und verschlimmern können.

Das muss der Heilkundige entsprechend erkennen und unterscheiden können! Dabei hilft die aufwändige Fallaufnahme. Und sie hilft dem Patienten, Einsicht in solche (jedoch nicht immer vermeidbare) Fehler zu gewinnen, als Anstoß und Impuls zur Änderung.

Doch ist nun mal Fakt, dass manches/vieles einfach nicht änderbar ist, wenn man nicht den Lebensraum ändert oder/und wirtschaftliche und gesellschaftliche auch politische Umstände.


Copyright K.-U.Pagel 02.2015

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