Sonntag, 1. Februar 2015

Homöopathie: Einseitige und lokale (Haut-) Krankheiten

Einseitige und lokale Krankheiten – Zusammenhänge suchen

Ein Symptom kommt selten allein


Nach dem Verständnis der Homöopathie (nach Hahnemann) stellt die Krankheit (die chronische) eine Störung der „inneren Regulation und Anpassungsfähigkeit an äußere Bedingungen“ dar, eine Störung der Selbsterhaltungskräfte des Organismus. Symptome sind Zeichen dieser Selbsterhaltungsfunktionen. Symptome, die für den jeweiligen Organismus als passend gesehen werden, angemessen an die Notwendigkeiten und Gegebenheiten = gesund und „unpassend“, Kompromisse bei gestörten Funktionen und/oder Strukturen (Vikariation) zur Erhaltung des Überlebens „um jeden Preis“ = krank. Es ist immer ein Gefüge von aufeinander abgestimmten Abläufen, Programmen im gesamten Organismus (incl. seiner psychischen Regelmechanismen). Im Gesunden wie im Kranken. Deswegen erscheint es Hahnemann im Grunde als ausgeschlossen, dass nur ein oder ganz wenige Symptome bei chronischen Krankheiten zu finden sein können. Auch akute Krankheiten, die er als heftige Abwehrreaktion, Gegenreaktion gegen aktuelle Einflüsse/angriffe von außen sieht (im Grund einen gesunde Selbsterhaltungsfunktion) sieht er kaum nur mit einzelnen Symptomen ablaufend.

Das erklärt, warum er bei „einseitigen Krankheiten“ nicht davon ausgehen kann, dass sie sich nur auf vielleicht einen Körperbereich und nur auf ein oder ganz wenige Symptome beschränken. Auch wenn man vielleicht nur eben dieses Symptom erkennen kann. Es ist vielleicht dann als Hauptsymptom anzusehen, das ins Auge springt. Vielleicht so auffällig ist, dass andere Symptome in den Hintergrund getreten zu sein scheinen.

Vielleicht wurde der Patient davon nur so beeinflusst (von der Heftigkeit oder dem Leiden daran), dass er nur wenig anderes schilderte. Vielleicht hat auch der Heilkundler nicht genau genug gefragt und geschaut, beobachtet.

Vielleicht ist das Hauptsymptom als Vikariation in seiner Kompensationskraft so wirksam, dass weiter „Störungen“ ausgeglichen erscheinen und deswegen kaum erkannt werden.

Es liegt aber nicht selten an der Sicht von Krankheiten, die vom Heilkundler ausgehen. Wenn dieser eben nicht wirklich Zusammenhänge sehen möchte, sondern das erkennbare „Hauptsymptom“ zur eigentlichen Krankheit erklärt. So z.B. bestimmte Messwerte am Körper oder bei psychologischen Tests zur Krankheit selbst erklärt. Das ist vielleicht einfacher in der Therapie, nur darauf einzuwirken, dass dieses Symptom nicht mehr sichtbar ist.

Im Verschwindenlassen des Symptoms damit im Verschwindenlassens eines Zeichens der Krankheit nimmt man nur eine Möglichkeit zur Vikariation der Störung der Selbstregulation, auch wenn man sich brüstet, die Krankheit besiegt zu haben. Die Krankheit bekommt dann oft als Namen die Bezeichnung des Hauptsymptoms.

Beispiel Diabetes mellitus: Hier wird die eingeschränkte Fähigkeit, einen zunächst aus sinnvollen Gründen angehobenen Blutzuckerspiegel zu senken mit seinem Kompensationssymptom zum Namensgeber. Der zulange anhaltend zu hohe Blutzuckerspiegel wird über den Notmechanismus, dass Zucker über den Harn ausgeschieden wird, gesenkt. Die möglichen Folgeschäden im Organismus sollen so reduziert werden. Dabei nimmt die Harnmenge insgesamt zu (Durchfluss wird gesteigert -Diabetes) und der Urin schmeckt dann süßlich (mellis- süß).

Doch ist dieses Symptom nicht die Krankheit selbst. Es kann viele verschiedene „Ursachen“, Funktionseinschränkungen, als Grund haben. Die gilt es aufzusuchen. Dabei ist dieses „Hauptsymptom“ nur eine Folge, ein Ausdruck der „Grundstörung“. Es wird also noch weitere geben, die vielleicht vorangegangen sind und vom jetzigen „Hauptsymptom“ abgelöst wurden oder daneben weiter bestehen, aber weniger leicht zu erkennen sind.

Wurde früher das „Hauptsymptom“ zur „Krankheit“ erklärt, die Krankheit bekam den Namen dieses Symptoms, hat man inzwischen verschiedene Erscheinungs- und Verlaufsformen, auch abhängig vom Erkrankten selbst (seiner „Lebenskraft“) gefunden und als Untergruppen aufgegliedert sowie weitere Symptome (die vielleicht ähnliche „Hauptsymptome“) sind zumindest mit registriert. Man nennt dann das Auftreten verschiedener Hauptsymptome zusammen ein Syndrom. Dabei sind dann diese anderen Hauptsymptome auch mit eigenem Krankheitsnamen bezeichnet. Ein Syndrom ist aber keine eigene Krankheit, nur das Auftreten von als eigen gesehenen Krankheiten im gleichen Zeitrahmen.

Hahnemann sprach da von einer „Krankheit des Namens“ und beklagte, dass eben immer nur diese einzelnen Hauptsymptome für sich behandelt wurden, ohne dass der innere Zusammenhang erwartet und gesucht wurde. Das ist ja relativ einfach. Wenn man weiß, auf welchem physiologischem Wege der Organismus ein bestimmtes Symptom erzeugen kann (unabhängig vom Sinn und Zweck im Gesamtzusammenhang) und etwas gefunden hat, dass dort in diesem Ablauf verhindernd eingreift (unterdrückend, entgegenwirkend – palliativ, enantiopathisch nannte Hahnemann das) geht man zwar in den Regelkreis hinein aber nicht der Störung ähnlich (homöo)sondern anders (allo).

Das war die alte (der alte Heilkundler Galen) Therapieregel: Gegenteiliges heilt Gegenteiliges. Contraria contrariis curantur. Damit eben oft in scheinbar kürzester Zeit die Krankheit, das/die Hauptsymptom/e zum Verschwinden bringen. Doch kann man so die tatsächliche Grundstörung nicht beheben. Eine Kurierart, die heute ganz ausgeprägt ist. Da wird zum Beispiel bei chronischen rheumatischen Gelenkentzündungen mittels ausgeklügelten Arzneimolekülen die Reaktionskette unterbrochen, die lokal zu Schmerz und Entzündungsreaktion führt (Prostaglandinsystem) oder es wird die Produktion der Stoffe (Antikörper) unterdrückt, die die Reaktionskette erst startet.

Der Grund, warum die Entzündung unangemessen (Antikörper gegen vom Körper selbst hergestellte Strukturen) immer wieder ausgelöst wird oder warum die in Gang gekommene Entzündung nicht regulär abläuft und zu Ende kommt, wird nicht behandelt. Die Entzündungsreaktion mit ihren als unangenehm empfundenen Symptomen hat aber für den Organismus Sinn: Sie soll helfen, Reparatur und Heilung eines Schadens zu erreichen.

Die Reaktionskette bei Entzündungen ist eine normale Funktion jeder Zelle, wenn diese sich selbst erhalten will, Schäden, Abnutzungen durch normale Tätigkeit reparieren will. Und sie läuft ständig irgendwo im Körper ab. Auf kleinsten Raum, dadurch unmerklich. Sie steht unter Kontrolle der „Lebenskraft“, des komplexen Regulationsgefüge zum Selbsterhalt und zur Anpssung auf äußere Bedingungen.

Wenn hier immer wieder unnötig auffällige Verläufe symptomatisch werden, so gelingt es nicht, diese Reaktion auf das notwendige Maß zu begrenzen, ungestört und rasch zum Erfolg kommen zu lassen und entsprechend bald wieder „abzuschalten“. Das korrigiert man aber nicht, indem man sie einfach durch Arzneien unterdrückt, abschaltet. Denn die körpereigenen Regulationsmechanismen kommen am Zielort betont zum Einsatz. Arzneien der allopathischen Art wirken auch dort, wo es nicht gewollt ist.

Nun zeigt sich bei chronischen Krankheiten solche Art von „Therapie“ nicht wirklich erfolgreich. Solange die Arznei genommen wird, sind die Symptome (Messwerte z.B. des Cholesterins oder Blutdruckes) oft – aber in zu vielen Fällen nicht – vermindert oder in einem vom Therapeuten vorgegebenen gewünschten Bereich. Doch es treten irgendwann weitere Beschwerden auf, auch als „unerwünschte, als Nebenwirkungen bezeichnet (der Arzneiwirkung zugeschrieben), als Folge des nicht hinreichend „unterdrückten“ Hauptsymptoms gesehen oder als einfach neue Krankheit. Nicht selten muss einen weitere Arznei hinzu gegeben werden, wenn die bisherige ihren Zweck, Symptomentstehung zu verhindern, nicht mehr erfüllt.

Es war auch zu Hahnemanns Zeiten mit der damaligen Kurierweise nicht anders. Deshalb suchte er nach einem anderen Krankheitsverständnis. Und deswegen postulierte er auch bei scheinbar einseitigen Krankheiten dafür, nach weiteren Zeichen zu suchen, die die eigentliche „Regulationsstörung“, Störung der Lebenskraftwirkung, besser zu erkennen ermöglichen.Über diese Fülle der Symptome sollte dann das angemessene Heilmittel gefunden werden.

§ 7
 Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist ...sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen, unter Mithinsicht auf etwaniges Miasm und unter Beachtung der Nebenumstände (§. 5.), es auch einzig die Symptome sein, durch welche die Krankheit die, zu ihrer Hülfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann - so muß die Gesammtheit dieser ihrer Symptome, dieses nach außen reflectirende Bild des innern Wesens der Krankheit, d.i. des Leidens der Lebenskraft, das Hauptsächlichste oder Einzige sein, wodurch die Krankheit zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie bedürfe, - das Einzige, was die Wahl des angemessensten Hilfsmittels bestimmen kann - so muß, mit einem Worte, die Gesammtheit … der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige sein, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.

Dieser Paragraph wird gerne missverstanden und fehlinterpretiert. Hahnemann schreibt nicht davon, dass man einzelne Symptome behandeln soll. Homöopathie ist im Gegensatz zur Allopathie keine Symptomenkurierei. Er schreibt von der „SYMPTOMENGESAMTHEIT“. Das ist etwas Eigenständiges, zwar von Einzelsymptomen gebildet, aber mehr als diese einzelnen Symptom für sich.

Und das ist es, was auch bei scheinbar einseitigen Krankheiten aufgesucht werden muss, um auf Dauer „Heilung“ zu erreichen zu können. Auch, wenn es beschwerlich und zeitaufwendig ist, man bei chronische Krankheiten „warten“ muss, bis sich der Effekt zeigt. Bis die Lebenskraft wieder ungestört wirkt, keine Kompensationen (Vikariationen) mehr gebraucht werden.

Hahnemann beschriebt diese einseitigen Krankheiten so

§ 174
Ihr Hauptsymptom kann entweder ein inneres Leiden (z.B. ein vieljähriges Kopfweh, ein vieljähriger Durchfall, eine alte Cardialgie u.s.w.) oder ein mehr äußeres Leiden sein. Letztere pflegt man vorzugsweise Local-Krankheiten zu nennen.

Damit hat er den weiteren Begriff eingeführt: Lokalkrankheit oder Lokalübel. Damit bezeichnet er die Symptome, die äußerlich sichtbar sind (Haut), so genannte Hautkrankheiten.

§ 187
Ganz auf andre Art aber entstehen diejenigen, an den äußern Theilen erscheinenden Uebel, Veränderungen und Beschwerden, die keine Beschädigung von außen zur Ursache haben oder nur von kleinen äußern VerIetzungen veranlaßt worden sind; diese haben ihre Quelle in einem innern Leiden. Sie für bloß örtliche Uebel auszugeben und bloß oder fast bloß mit örtlichen Auflegungen oder andern ähnlichen Mitteln gleichsam wundärztlich zu behandeln, wie die bisherige Medicin seit allen Jahrhunderten that, war so ungereimt, als von den schädlichsten Folgen.

Aus meiner Sicht sind die Hautärzte diejenigen, die auf die Haut beschränkt, den wohl frustrierendsten Job haben. Mit Blick auf die Haut sind noch immer viele ihrer Erkrankungen „kryptogen“, unbekannter Ursache. Vermutungen, die dann in internistische Richtung gehen, wie bestimmte Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes), fehlgeleitetes Immunsystem (Autoimmunkrankheiten und Allergien) helfen dem Hautarzt auch nicht weiter. Es wäre dann ein anderes Heilkunde – Facharzt- Gebiet zuständig. Bei manchen Hauterscheinungen (z.b. Flecken bei Masern und Scharlach) weist der zum Allgemeinarzt, Kinderarzt oder Internisten weiter. Herpes zoster (Gürtelrose) wäre beim Neurologen auch in richtiger Hand.

In der Medizin vor und neben Hahnemann galt die Haut als „unedles Organ“. Darum war die Haut der bevorzugte Ort, wohin man therapeutisch kranke/krankmachende Säfte ableitete und/oder über die man sie herauszog. Zweck z.B. der Schröpfbehandlung.

Hahnemann sah Hauterscheinungen, als Versuche des Körpers auf möglichst unschädliche Weise innere Störungen zu kompensieren. Als den „idealen Ort“ für Vikariationssymptome. An Nierenschäden kann man schnell sterben, Hautausschläge überlebt man lange. Die innere Störung erleichtert sich über diese äußeren Symptome. Und das Selbstregulationssystem, die Lebenskraft, wird so lange zu solchen Mittel greifen, solange sie zur Kompensation ausreichen. Wenn nicht mehr oder nicht alleine reichend, kommen weitere hinzu, dann „an den inneren Teilen“.

Schlussfolgerung: Das Unterdrücken von (lästigen) Hauterscheinungen zwingt die Lebenskraft zur „Verschiebung dieser „Erleichterungen“ auf „edlere“ Teile. Hauterscheinungen sind wichtig für die Erkennung möglicher „innerer“ Ursachen. Es gibt heute eine Reihe von Lehrbüchern über die äußeren Zeichen der inneren Krankheit. Auch Sebastian Kneipp nutzte die „Antlitzdiagnose“, das betrachten des Gesichts und der Haut, zur Diagnose dafür, welche Maßnahmen er empfiehlt.

Wenn die Therapie dazu geführt hat, dass nach mehr oder minder langer Zeit, die Lebenskraft wieder „ungestört“ arbeitet, verschwinden die Lokalsymptome der Haut. Außer, man hat durch lokale Maßnahmen die Reaktionsfähigkeit der Haut gestört (iatrogene Krankheit, Therapieschaden). Dann kann es sein, dass eben eine „Rückentwicklung“ der Störung nicht mehr vollständig geht: An der Haut „hängen bleibt“.


Die Geistes-und Gemütskrankheiten gelten für Hahnemann als einseitige Symptome, als Vikariation von Regulationsstörungen in (das „Organ“) die Psyche, im Sinne eines Lokalübels. Dazu die Fortsetzung.

Copyright K.-U. Pagel 02.2015

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