Dienstag, 24. März 2015

Arzneiwirkidee nach Hahnemann – Therapieprinzip

Homöopathie nach Hahnemann – Das Therapieprinzip

Wie kennt man die üblichen Therapieansätze? Abhängig davon, wie man Krankheiten versteht, geht man bei den pauschalierten Krankheiten/Symptomen (z.B. Hypertonie)so vor:
  • wenn etwas als fehlend gesehen wird, so gibt man es hinzu (Substitution), z.B. von einzelnen Hormonen
  • sieht man etwas als zuviel an und deswegen krank machend, dann nimmt man es weg oder hemmt die Bildung, z.B. Cholesterin
  • die „moderne“ Medizin kennt die Wege zur Entstehung von Symptomen, z.B. die Entzündungsreaktion. Um das Symptom Entzündung (egal bei welcher Krankheit) zu beseitigen, gibt man eine Substanz, die diese Reaktionskette an einer Stelle unterbricht.

Gemeinsam ist, dass im Blick immer eine Krankheit steht, die einen ganz bestimmten Namen hat und pauschal nach einem bestimmten Muster abläuft. Bzw. man sieht ein Symptom dieser Krankheit (vielleicht hat man noch keinen Namen dafür) und verhindert dessen Entstehung. Jedoch ist dabei völlig egal, welcher Mensch, mit welchen Besonderheiten und damit mit welchen besonderen Auslösern und Verlaufsformen erkrankt ist. Wieweit sich in diesem Verständnis die Erkrankung vom erkrankten Individuum verselbständigt gelöst hat, zeigt sich im so genannten ICD Code (medizinische Klassifikation zur Systematisierung von Diagnosen: International Classification of Diseases - Internationale Klassifikation von Krankheiten).

Krankheiten werden zu eigenen (Diagnose) Nummern, mit codierter Beschreibung der Art, Unterort, Ort usw. Somit wird die Krankheit als solche fassbar und (auch abrechnungstechnisch) verwaltbar. Die Krankheit, nicht das kranke Individuum. Dazu passt dann auch die Therapie. Zu den einzelnen Ziffern gehören mehr oder minder genau zugeordnet die die Symptome behandelnden Methoden/Arzneien.

Und es ist ja einfach: Man zählt die Symptome zusammen, die z.B. zur Diagnose „Migräne“ passen. Hat man genügend davon, nennt man das Leiden des Betroffenen Migräne und greift in die Kiste, in der die Arzneien stecken, die man bei Migräne einsetzen soll. Bei einigen wirkt es gut die Symptome lindernd bei anderen weniger gut und bei wieder anderen wirkt sie gar nicht in erwünschter Weise. Dann aber bleiben Wirkungen in der Regel nicht aus, die man so nicht haben wollte und die an ganz anderer Stelle des Körpers auftreten können. Der Kopfschmerz ist geblieben, aber die Haut bekommt rote Quaddeln.

Wie kann das kommen?

In der beschrieben Art der (Arznei-) Therapie greifen die Arzneistoffe in fein abgestimmte Regelkreise, Enzymgefüge, bio-chemische Reaktionen ein, die eben nicht nur an einer einzigen Stelle im Organismus benutzt werden. Der Körper besteht aus unzählbar vielen Zellen mit verschiedenen Aufgaben im Gewebsverbund/ in Organen, die aber für ihre eignen Zellabläufe ähnliche oder gleiche Stoffe, Enzyme und Regelkreise benutzen. Vielleicht in unterschiedlichem Ausmaße, zu unterschiedlichen Zeiten. Manchmal sogar zu unterschiedlichen Zwecken. So wird z.B. der Botenstoff Serotonin im Gehirn (Neurotransmitter)ganz anders benutzt („Stimmungsbeeinflussung“) als z.B. den Blutgefäßen (nach Verletzung Zusammenziehen, Blutstillung) oder Einfluss auf den Blutdruck über die Arterienweite.

Wenn man nun Einfluss auf Bildung oder Wirkung von Serotonin an der einen Stelle nehmen will (Depressionen behandeln, IDC Ziffern F32. …), so kann es durchaus zu einem Serotoninsyndrom mit Blutdruckanstieg, Zittern Pulsbeschleunigung, Kopfschmerz usw. kommen.

Ein Symptom, das vielleicht zu einer eigenständigen Krankheit gehört, wird scheinbar besser, an anderen Stellen jedoch kann sogar lebensgefährliche Symptomatik neu entstehen.

Hahnemann nannte diese Art der Behandlung eine reine Symptomenkuriererei und maß dieser keine heilende sondern nur schädliche Wirkung bei.

Sein Ansatz ist ein ganz anderer. Seine Sicht der Symptome als Zeichen guter (Gesundheit) oder schlechter (Krankheit) innerer Regulation, Symptome auch als Zeichen des Versuches, eine bestehende Störung irgendwie auszugleichen (Kompensation, Vikariation) habe ich im ersten Text dieser Homöopathiereihe dargestellt. Was alles zum individuellen Bild des kranken Menschen gehören kann, ergibt sich aus den Darstellungen zur individualisierenden Fallaufnahme.

Ist ein Mensch krank, ist seine innere Regulation, seine Lebenskraft, „verstimmt“, so betrifft das eben nicht nur einen Körperteil, nicht nur ein Hauptsymptom. Da alle Zellen eines Organismus unter einem gemeinsamen „Lebensprogramm“ stehen, alle füreinander arbeiten, mit einem gemeinsamen Ziel, das in den Genen aller Zellen steckt, wird sich eine Störung an verschiedenen Stellen mehr oder minder deutlich zeigen können. Wenn etwa das Programm (Gene), was in Zellen z.B. die Energiegewinnung steuert, gestört ist, so durchaus nicht nur in einem Organ.

Siehe das Beispiel Serotonin (Stoffwechsel, Bildung, Wirkung). Bei Störungen im zugrunde liegenden Programm kann im Magen-Darm-Trakt eine Durchfallsymptomatik auftreten (Reizdarm), Blutdruckschwankungen und Hitzewallungen können ebenso vorhanden sein wie eine leichte depressive Verstimmung.

Hahnemann versuchte - es war zu seiner Zeit wegen der noch viel geringeren physiologischen Kenntnisse als wir sie heute haben gar nicht leicht - den inneren Zusammenhang der verschiedenen Symptome herauszufinden: herauszufinden, welche „Programmstörung“ vorliegt. Wir wissen heute, dass im Grunde nur wenige Gene bestimmen, wie Stoffe, wie Funktionsteile aufgebaut werden aber dass die weit überwiegende Zahl an Genen bestimmt, was wann wie, auf welche Signale hin zusammen mit welchen andren Abläufen miteinander vernetzt wirkt.

Es ist heute bekannt, dass es das eine oder andere (Bau-) Gen gibt, bei dem eine bestimmte Krankheit auftreten kann, aber dass das in seiner Ausprägung abhängig ist davon, wie der Genfehler aussieht und vor allem, welche „regulierenden“ Gene beteiligt sind. Auch ein Fehler in einem solchen Gen könnte die Symptome der Krankheit machen. Aber dann immer – da verschiedene Gene mit übergreifenden Funktionen betroffen sind – mit vielen mehr oder minder deutlichen „Zusatzsymptomen“, individuellen Krankheitsausprägungen. In den Zellen sind viele Stoffwechselabläufe miteinander verbunden.

Da suchte Hahnemann nach einem gemeinsamen „Schlüssel“ über die Vielzahl der Symptome an verschiedenen Körperteilen. Auch über unterschiedliche Reaktionen auf Reize, so ein auffälliges Wärme- und Kälteverhalten oder unterschiedliche bessernde oder verschlechternde Einflüsse.

Mit den heutigen Kenntnissen der Physiologie und Biochemie könnte man versuchen, hier Erklärungen zu finden. Hahnemann versuchte das durch Vergleiche. Er testete am Gesunden verschieden Arzneistoffe und listete die an allen möglichen Stellen beobachtbaren Symptome auf.

Die „Arzneikrankheit“ war der Begriff für die ihm noch weitgehend unbekannten konkreten körperlichen und psychischen Abläufe. Die „Pharmakologie“ der Arzneisubstanzen beschrieb ihm die „Stimmung der Lebenskraft“, die innere Regulation.

Viele seiner Arzneien kamen aus dem Bereich der Lebewesen (Pflanzen, Tiere) und diese bestanden nicht nur aus einer chemischen Substanz, sondern aus einer Vielzahl, wie sie nach den „Lebensprogrammen“ dieser Lebewesen, ihrer Zellen mit ihren Genen, gebildet und „komponiert“ wurden. Die Zusammensetzung der Arzneisubstanzen ist ein Abbild der inneren Regulation, der „Lebenskraft“ der Arzneipflanze oder des Tieres. Aber auch der „Bildekräfte“ von Mineralien.

Von seiner Idee her konnte er die verschiedenen „Lebenskräfte“ der Arzneien auf die Lebenskraft des kranken Menschen wirken lassen. Eben nach dem physikalischen Prinzip, dass Kräfte auf Kräfte wirken.

Seine Idee - eine physiologisch sinnvolle - war, dass er passend zu dem gestörten Regelkreis (zur Verstimmung der Lebenskraft“) eine Arznei auswählen musste. Was am Gesunden eine bestimmte Wirkung hat, wird diese auch am Kranken haben. Wenn ein Gesunder in bestimmter Weise „krank“ gemacht werden kann, so könnte der Kranke, der genau diese Symptome hat in ähnlicher Weise krank gemacht worden sein – homoios=ähnlich.

Der physiologischen Tatsache folgend, dass auf einen gesetzten Reiz der Versuch gemacht wird, durch Gegenwirkung den alten Zustand wieder herzustellen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, setzte er die Arznei ein. Dabei war die wichtige Idee, dass die Ursache der Störung nicht in der Arznei lag, sondern in anderen Gründen (späteres Thema, Miasmen). Aber diese Gründe zeigen ähnliche Wirkungen wie die Arznei. Die Arznei passt dann zu den gestörten Regelelementen (diversen Genen). Sie greift dort an.

Wie bei einer Wunde, die sehr empfindlich für die kleinste Berührung ist, so ist auch der gestörte Regelkreis sehr empfindlich für einen passenden Reiz. Da die Arznei“kraft“ künstlich hergestellt wurde (Potenzierungsverfahren), ist sie für den Organismus unnatürlich, auffälliger (stärker bemerkbar) als die natürlich Krankheitsverursachung.

Im § 31 des Organon schildert er es so:

Auch besitzen die feindlichen, theils psychischen, theils physischen Potenzen im Erdenleben, welche man krankhafte Schädlichkeiten nennt, nicht unbedingt die Kraft, das menschliche Befinden krankhaft zu stimmen, wir erkranken durch sie nur dann, wenn unser Organism so eben dazu disponirt und aufgelegt genug ist, von der gegenwärtigen Krankheits-Ursache angegriffen und in seinem Befinden verändert, verstimmt und in innormale Gefühle und Thätigkeiten versetzt zu werden - sie machen daher nicht Jeden und nicht zu jeder Zeit krank.
Arzneien können aber am Gesunden (wenn auch nicht alle Symptome bei jedem) „kunstkrank“ machen. So stark sind sie.

Vielleicht an dieser Stelle noch zur Fußnote in diesem Paragrafen.
2) Wenn ich Krankheit eine Stimmung oder Verstimmung des menschlichen Befindens nenne, so bin ich weit entfernt, dadurch einen hyperphysischen Aufschluß über die innere Natur der Krankheiten überhaupt, oder eines einzelnen Krankheitsfalles insbesondere geben zu wollen. Es soll mit diesem Ausdrucke nur angedeutet werden, was die Krankheiten erwiesenermaßen nicht sind, und nicht sein können, nicht mechanische oder chemische Veränderungen der materiellen Körpersubstanz und nicht von einem materiellen Krankheits-Stoffe abhängig - sondern bloß geistartige, dynamische Verstimmung des Lebens.
Hyperphysisches, gar metaphysisches, esoterisches will er nicht ausdrücken. Er will deutlich machen, dass Regelkreise gestört sind (sichtbare über Symptome) als Ursache der Krankheit. Das schließt NICHT aus, dass daraus mechanische oder chemische Veränderungen der materiellen Körpersubstanz entstehen können. Aber diese waren nicht, wie es die Krankheitslehre seiner Zeit (unserer Zeit) annahm, die Ursache, die Krankheit selbst. Veränderte Funktion (Lebensabläufe) führen zu veränderten Strukturen und diese wiederum bestimmen (verfestigen) eine veränderte Funktion.

Das ist auch der Grund, warum länger bestehende Krankheiten nicht in „Sekunden“ geheilt sein können. Die durch die Arzneikraft angestoßene Korrektur der Regelkreise (Lebenskraft) muss erst über geänderte Funktionen auch Strukturen wieder „heil“ werden lassen.


Hahnemann beschreibt die Wirkung der Arznei etwa so (vorher erklärt er aber dass er eigentlich dazu keine Lust hat):

(§ 28
     Da dieses Naturheilgesetz sich in allen reinen Versuchen und allen ächten Erfahrungen der Welt beurkundet, die Thatsache also besteht, so kommt auf die scientifische Erklärung, wie dieß zugehe, wenig an und ich setze wenig Werth darauf, dergleichen zu versuchen. Doch bewährt sich folgende Ansicht als die wahrscheinlichste, da sich auf lauter Erfahrungs-Prämissen gründet.)

§ 29
     Indem jede (nicht einzig der Chirurgie anheim fallende) Krankheit nur in einer besondern, krankhaften, dynamischen Verstimmung unserer Lebenskraft (Lebensprincips) in Gefühlen und Thätigkeiten besteht, so wird bei homöopathischer Heilung dieß, von natürlicher Krankheit dynamisch verstimmte Lebensprincip, durch Eingabe einer, genau nach Symptomen-Aehnlichkeit gewählten Arznei-Potenz, von einer etwas stärkern, ähnlichen, künstlichen Krankheits-Affection ergriffen; es erlischt und entschwindet ihm dadurch das Gefühl der natürlichen (schwächern) dynamischen Krankheits-Affection, die von da an nicht mehr für das Lebensprincip existirt, welches nun bloß von der stärkern, künstlichen Krankheits-Affection beschäftigt und beherrscht wird, die aber bald ausgewirkt hat und den Kranken frei und genesen zurückläßt 1).
1) Die kurze Wirkungsdauer der künstlich krankmachenden Potenzen, die wir Arzneien nennen, macht es möglich, daß, obgleich stärker als die natürlichen Krankheiten, sie doch von der Lebenskraft weit leichter überwunden werden, als die schwächern natürlichen Krankheiten, die bloß wegen ihrer längern, meist lebenswierigen Wirkungsdauer (Psora, Syphilis, Sykosis) nie von dem Lebensprincip allein besiegt und ausgelöscht werden können, bis der Heilkünstler die Lebenskraft stärker afficirt mit einer sehr ähnlich krankmachenden, aber stärkern Potenz (homöopathischer Arznei). Die vieljährigen Krankheiten, welche (nach §. 46) von den ausgebrochenen Menschenpocken und Masern (die auch beide nur eine Verlaufszeit von etlichen Wochen haben) geheilt werden, sind ähnliche Vorgänge.
     Die so befreite Dynamis kann nun das Leben wieder in Gesundheit fortführen. Dieser höchst wahrscheinliche Vorgang beruht auf den folgenden Sätzen.
   
§ 30
     Der menschliche Körper scheint sich in seinem Befinden durch Arzneien (auch deßhalb, weil die Einrichtung der Gabe derselben in unserer Macht steht) wirksamer umstimmen zu lassen, als durch natürliche Krankheits-Reize - denn natürliche Krankheiten werden durch angemessene Arznei geheilt und überwunden.

Was soll die Arznei machen? Sie soll ins gestörte „Gefüge“ einen von diesem bemerkbaren Reiz setzen, so klein wie möglich gewählt (aber noch groß genug, bemerkt zu werden). Einen Reiz, der die Symptome der „Störung“ zeigt (Erstwirkung). Gegen den wehrt sich der Organismus, versucht diesen auszugleichen (Gegenwirkung). Wenn das gelingt, so kommt das vorher gestörte Regelsystem wieder in seinen „gesunden“ Bereich zurück.



Wird fortgesetzt


Copyright K.-U.Pagel 03.2015

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen