Sonntag, 1. März 2015

Arzneizubereitung nach Hahnemann – Potenzieren – Teil 1

Homöopathie nach Hahnemann–- Potenzieren ist nicht gleich Verdünnen


Gerne wird gesagt, in homöopathischen Arzneien ist nichts mehr drin. Wie ein Tropfen im Bodensee sei der Ausgangsstoff verdünnt.

Gerade aber gegen diese Vorstellung, Potenzieren (Dynamisieren) sei Verdünnen sprach sich Hahnemann schon zu seiner Zeit aus:

§ 269 Organon:

Man hört noch täglich die homöopathischen Arznei-Potenzen bloß Verdünnungen nennen, da sie doch das Gegentheil derselben, d.i. wahre Aufschließung der Natur-Stoffe und zu Tage-Förderung und Offenbarung der in ihrem innern Wesen verborgen gelegenen, specifischen Arzneikräfte sind, durch Reiben und Schütteln bewirkt, wobei ein zu Hülfe genommenes, unarzneiliches Verdünnungs-Medium bloß als Neben-Bedingung hinzutritt. Verdünnung allein, z.B. die, der Auflösung eines Grans Kochsalz, wird schier zu bloßem Wasser; der Gran Kochsalz verschwindet in der Verdünnung mit vielem Wasser und wird nie dadurch zur Kochsalz-Arznei, die sich doch zur bewundernswürdigsten Stärke, durch unsere wohlbereiteten Dynamisationen, erhöhet.
Im Internet fand ich bei http://homoeopathie-liste.de/potenzen/ die Berechnung, dass sich bei einer D-Potenz 1Tropfen der Urtinktur (Ausgangszubereitung) so verdünne – z.B.


D30
1:1 Quintillion (30 Nullen)
50 Erdvolumen
Kaum noch Atome pro typischer Einnahmeflasche

Das bedeutet, dass selbst, wenn man eine typische Flasche der Urtinktur in einen See schütten würde, der so groß wäre wie 50 Erden, wären zwar kaum noch aber noch immer Atome vorhanden.

Also doch noch was drin.

Schauen wir mal an einem anderen für manche vielleicht überraschendem Beispiel hin. Das gewöhnliche Aspirin (R), die Acetyl-Salicyl-Säure (ASS), enthält in der normalen Dosierung von 0,5 g (500 mg) 1,67 * 1021 Moleküle (1,67 mal 1 mit 21 Nullen) = 1,670.000.000.000.000.000.000 Moleküle.

Der menschliche Organismus hat etwa 1013 bis 1014 oder 10 bis 100 Billionen oder 100.000.000.000.000 einzelnen Zellen. Wäre als D Potenz ausgedrückt eine D13 oder D14. Also 7 bis 8 10er Potenzen mehr. Anders ausgedrückt: mit der Zahl der ASSmoleküle in einer Normaldosis könnte man in jede Zelle von 100.000.000 bis 1.000.000.000 Menschen (einhundert Millionen bis 1 Milliarde) ein Molekül hineingeben. Noch anders: jede Zelle eines Menschen könnte so mit bis zu einer Milliarde ASSmoleküle gefüllt werden.

Wie viele wären das bei einer D12 einer homöopathischen Arznei, einer durchaus üblichen Zubereitung? Vereinfacht geschätzt pro Zelle etwa 10 -100 Moleküle. Das erscheint recht wenig, wenn beim ASS pro Mensch in jeder Zelle bis zu einer Milliarde Moleküle sein könnten.

Doch betrachten wir die Zubereitung und Einnahme sowie Verteilung im Körper: Nur ein Teil des ½ Gramms ASS-Pulver gelangt überhaupt nur (unverändert) ins Blut. Ein Teil davon wird, ohne jemals den erwünschten Wirkort erreicht zu haben, abgebaut oder ausgeschieden. Ein weiterer Teil reagiert mit Strukturen, die man gar nicht erreichen wollte (auch so entstehen Nebenwirkungen). Es verbleibt so nur ein kleiner Teil, der tatsächlich in den jeweiligen Zielzellen zur erwünschten Wirkung kommt. Wie viel das ist, lässt sich nur extrem schwer messen, oder vielleicht gar nicht, weil schon von der Aufnahme aus dem Magen-Darm-Trakt angefangen sehr viele Faktoren Einfluss nehmen können.

Die Pharmakologie kennt dieses Problem. Ideal wäre es, wenn man eine Arznei so zubereiten könnte, dass sie ohne „Verluste“ gezielt am Wirkort ankommen könnte. Ein Problem, die Verluste über den Magen-Darm-Trakt und Schleimhaut dort lässt sich umgehen, indem man die Arznei in den Organismus injiziert, z.B. in die Muskulatur oder ins Blut. So kann man theoretisch sicher stellen, dass die gewollte Menge an Arznei tatsächlich im Organismus ankommt.

Doch dann die internen Verluste ausgleichen? Sodass tatsächlich alles dort ankommt, wo man es haben will?

Man würde sich so eine große Menge an Arzneistoff sparen, könnte viel genauer und mit kleineren Mengen gezielt Effekte bewirken.

Das wird versucht, mittels „Nanotechnik“. Da wird eine bestimmte Menge Wirkstoff in winzigste Fettkügelchen (ähnlich den Membranen der Zellen) eingepackt und diese dann injiziert. Im Magen-Darm-Trakt würden diese den üblichen Verdauungsvorgängen unterzogen und zerstört. Man hofft, dass diese Kügelchen (Liposomen) nicht in Blut oder Leber angegriffen und verdaut werden. Man hat nämlich an ihren Oberflächen Eiweiße angebracht, die genau die „kranken“ Zelle erkennen können sollen, und nur dort dann den Wirkstoff freisetzen sollen. Im Grunde alles noch Zukunftsmusik, auch wenn inzwischen 10-12 Präparate (Chemotherapie oder Antibiotika) eine Zulassung für die Ausnahme schwerster Krankheitsfälle haben.

Was nun, wenn Hahnemann einen Weg gefunden hätte, Arzneiteilchen (Moleküle) ohne große Verluste gezielt zur Wirkung zu bringen? Das Rad war schon im Gebrauch, bevor die Archimedes Zahl Pi zur Kreisberechnung gefunden wurde. Boote fuhren schon vor seiner Entdeckung der Berechnung des Auftriebs. Die Wikinger fuhren zur See, ohne von Archimedes je gehört zu haben. Ohne die Kenntnisse der modernen Statik und Baustoffkunde konnten Pyramiden wie auch Dome stabil gebaut werden. Bevor Galileo und Newton Kenntnisse zur Erdanziehung publizierten fiel der Apfel vom Baume nach unten.

Es brauchte nur im jeweiligen Fall viele Jahre, bis aus den ersten empirischen Beobachtungen physikalische Gesetze und mathematische Formeln zu ihrer Berechnung entstanden.

Welche Kenntnisse könnte Hahnemann gehabt haben? Er studiert von 1775 bis ca. 1780 Medizin, erst in Leipzig, dann in Wien und promovierte in Erlangen. 1777 bis 1779 verdiente er sich seinen Lebensunterhalt unter anderem als Bibliothekar des Barons von Bruckenthal. Und kam mit vielen Werken, auch wissenschaftlichen in Berührung. Etwa ab 1779 war er „nebenberuflich“ als Übersetzer von Büchern tätig. Ein Arzt damals musste sehen, wie er über die Runden kam, so ganz ohne Krankenkassen.

Es ist anzunehmen, dass er dabei auch Bücher des französischen Arztes und Chemikers Nicolas Lémery kennen lernte. So z.B. das Buch Cours de Chymie. 1675 auf Französisch erschienen, 1697 als Der vollkommene Chymist in deutscher Übersetzung in Dresden erschienen. In diesem Werk unterteilt er die Stoffe in drei Gebiete: Mineralreich (Metalle, Wasser, Luft, Kochsalz, Gips), Pflanzenreich (Zucker, Stärke, Harze, Wachs, Pflanzenfarbstoffe), Tierreich (Fette, Eiweiße, Hornsubstanzen). Auch Hahnemann teilt in dieser Weise die Ursprünge seiner Arzneien ein. Lemery unterschied auch die Stoffe des Pflanzen- und Tierreiches als organische Stoffe im Gegensatz zu den Stoffen der unbelebten Natur des Mineralreiches.

Dazu waren in seiner (Studien-)Zeit einen ganze Reihe organischer Substanzen in Reinform in ihrer Zusammensetzung analysiert worden. Ameisensäure, Weinstein/-säure, Apfelsäure, Harnstoff, u.a.m.

Es war ihm klar, dass alles, auch die belebte Natur, aus Teilen (Molekülen) zusammengesetzt war und dass man diese eben durch „Zerlegen“ des Ganzen isolieren konnte. So kam ihm vielleicht die Idee, die Arzneiausgangsstoffe (Urtinkturen) ebenfalls in immer kleiner Teile zu zerlegen, um diese so besser zur Wirkung zu bringen.

Was ihm klar war ist, dass Teile mittels ihrer Oberflächen aufeinander Wirken, die „Wirkflächen“ bestimmten, wie intensiv Kräfte wirksam wurden. Man nehme einen Haufen von dicht gedrängten Fußballern. Im „Knubbel“ bringen sie zwar genausoviel Gewicht auf die Wage, als in der Summe der einzelnen Spieler, jedoch ist es völlig ineffektiv für das Spiel, wenn sie auf einem Haufen stehen. Die Gegner, auch in Unterzahl, haben es leicht, diese unter Kontrolle und vom Torschuss fern zu halten. Schwärmen die Spieler jedoch aus, verteilen sie sich über den Raum, verbreitern sie so die Angriffsfront, machen sie mehr Dynamik, wird ein torreiches Spiel entstehen können.

Oberflächenvergrößerung als Verstärkung der Wirksamkeit, Potenzierung, Dynamisierung, des einzelnen Moleküls war seine Idee.

Seinen § 269 setzt er so fort:

Diese merkwürdige Veränderung in den Eigenschaften der Natur-Körper, durch mechanische Einwirkung auf ihre kleinsten Theile, durch Reiben und Schütteln (während sie mittels Zwischentritts einer indifferenten Substanztrockner oder flüssiger Artvon einander getrennt sind) entwickelt die latenten, vorher unmerklich, wie schlafend in ihnen verborgen gewesenen, dynamischen (§. 11.) Kräfte, welche vorzugsweise auf das Lebensprinzip, auf das Befinden des thierischen Lebens Einfluß haben

Also: Das Verreibungs- oder Verschüttelungsmittel ist an sich wirkungslos, indifferent. Aber mittels der Verarbeitungstechnik - Verschütteln oder Verreiben - wird der Ausgangsstoff in immer mehr kleinere Teile zerlegt, wobei die wirksamen Oberflächen immer größer werden. Ich habe für meine früheren Unterrichte mal ein Schema gezeichnet:




Rechnen wir mal nach: Ein Würfel mit der Kantenlänge 1 cm hat eine wirksame Oberfläche von 6 qcm. Teilen wir diesen einmal in der Mitte, so entstehen, ohne Verlust an Masse, zwei Quader. Jeweils mit den Maßen 1 cm breit, 1 cm tief, ½ cm lang. Als Oberfläche jedes einzelnen ergibt sich dann 4 qcm. Zusammen hat dann die gleiche Masse eine wirksame Oberfläche von 8 qcm.

Teilen wir diese nun, dann entstehen 4 Würfel mit zusammen 10 qcm wirksamer Oberfläche. Dazwischen das indifferente Hilfsmittel.

Hahnemann war klar, dass das nur zu erreichen ist, wenn die Verarbeitung, so die Verschüttelung, entsprechend das Verschüttelungsmittel intensiv genug auf die Arzneisubstant einwirken kann. Die Mengenverhältnisse sind wichtig. Mit einem Tropfen im Bodensee ist das eben nicht zu erreichen. Er arbeitete dabei mit 2 grundsätzlichen „Mischungsverhältnissen: 1 Teil Ursubstanz und 9 Teile Alkohol (D-Potenzen) oder 1 Teil Ursubstanz und 99 Teile Alkohol (C-Potenzen). Letzteres ist auch die Grundpotenzierung für die sogenannten LM (Q) Potenzen.

Doch ein bestimmtes Mischungsverhältnis kann nur bis zu einer maximalen Oberflächenvergrößerung (Teilchenverkleinerung) führen. Der Bastler kennt das von der Holzverarbeitung. Möchte man glatte Oberflächen, muss man Schmirgeln. Zunächst mit grobem Papier und dann immer feinerem. Jedes Papier hat seine maximale Glattheit, feiner geht es dann nur mit dem nächsten Schritt. So auch beim Potenzieren. Von der ersten Zubereitung wird z.B. ein Teil entnommen und mit 9 Teilen Alkohol erneut verschüttelt usw.

Schematisch sieht das für D-Potenzen etwa so aus.

Grafik D Potenz einfügen


Potenzieren/Dynamisieren ist eben nicht als Verdünnung zu betrachten.



Wird fortgesetzt.

Copyright K.-U.Pagel 02.2015













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