Sonntag, 10. Mai 2015

Homöopathie nach Hahnemann - Der Potenzierer wirkt auf Arznei ein?

Homöopathie nach Hahnemann – Einwirkungen auf Arzneien/Wirkveränderungen durch Schütteln


Betreffend Hahnemanns späte Lebensjahre schrieb ich im vorangegangenen Teil, mit Blick auf die sehr viel jüngere (den greisen Berühmten dominierende) Ehefrau: Dazu übernahm sie viele Aufgaben in der Aufzeichnung der Fälle und wirkte auch an den Änderungen in der 6. Auflage des Organon mit (fertig 1943, Todesjahr von Hahnemann). In der dann der Bruch mit der bisher logisch- wissenschaftlich- physiologischen Medizinidee in Form der LM (Q) Potenzen aufgenommen wurden. Die Auflage 5, fertig 1833, kannte diese noch nicht. Die 6. Auflage erschien wegen des Widerstandes klassischer Homöopathen, die eben solche Veränderungen sahen, die sie Hahnemann nicht zuordnen konnten, erst 1921.

Da hatte ich den Focus unter anderem auf seine „Spätentwicklung“ Q- oder LM-Potenzen gerichtet und auf seine „aus seiner logischen Bahn geratenen“ Erklärungsversuche zur „Dynamisierung“ von Arzneien. Hier ein Blick auf seine Ideen (waren es wirklich seine und auf Grund welcher tatsächlichen Erfahrungen entwickelt), wie vor jeder neuen Gabe die Arznei „verändert“ werden müsse.

In der 5. Auflage (1833) taucht so etwas nicht auf. Dort heißt es in den Paragraphen

246
Langsam hingegen fortschreitende Besserung auf eine Gabe von treffend homöopathischer Wahl vollendet zwar auch, wenn sie recht fein ist, zuweilen in ihrer ohne Anstoss fortgehenden Wirkungsdauer die Hülfe, die dieses Mittel überhaupt in diesem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in Zeiträumen von 40, 50, 100 Tagen. Aber theils ist diess selten der Fall, theils muss dem Arzte, so wie dem  Kranken viel daran liegen, dass, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt, und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte. Und diess lässt sich auch, wie neuere, vielfach wiederholte Erfahrungen gelehrt haben, recht glücklich ausführen unter drei Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war – zweitens, wenn sie in der feinsten, die Lebenskraft am wenigsten empörenden und sie dennoch gehörig umstimmenden Gabe gereicht, und, drittens, wenn eine solche feinste, kräftige Gabe der best gewählten Arznei in angemessenen Zeiträume wiederholt127] wird, die von der Erfahrung als die schicklichsten ausgesprochen werden zur möglichsten Beschleunigung der Cur, doch ohne dass die zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebenskraft zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne.

247
Unter diesen Bedingungen können die feinsten Gaben der best gewählten homöopathischen Arznei mit dem besten, oft unglaublichen Erfolge in Zeiträumen von 14, 12, 10, 8, 7 Tagen wiederholt werden, und, wo Eile nöthig ist, in chronischen, den acutensich nähernden Krankheits-Fällen, in noch kürzern Zeiträumen, bei acuten Krankheiten aber in noch weit kürzerer Zeit, – nach 24, 12, 8, 4 Stunden, in den acutesten, sogar nach 1 Stunde, bis zu jeder fünften Minute – alles, nach Massgabe des mehr oder weniger schnellen Verlaufs der Krankheit und des angewendeten Arzneimittels, wie in der Anmerkung bestimmter erklärt wird.


und 248
Die Gabe derselben Arznei wird einige Mal, nach den Umständen, doch nur so lange wiederholt, bis entweder Genesung erfolgt, oder bis dasselbe Mittel aufhört, Besserung zu bringen und der Rest der Krankheit, in einer abgeänderten Symptomen-Gruppe, eine andre homöopathische Arznei erheischt.

Die Arznei wird also einfach so fortgegeben, ohne erneut darauf einwirken zu müssen. Das war das Resultat vieler Jahre Arbeit damit. Nun, in seiner Pariser Zeit, als „alter Mann einer jungen Frau, die es genoss, im Rufe ihres Mannes zu agieren, schreibt er (alles selbst?) in der 6. Auflage des Organon:

 § 246 Jede, in einer Cur merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung ist ein Zustand der, so lange er anhält, jede Wiederholung irgend eines Arznei-Gebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zueilt. … Eine Gabe treffend gewählter, homöopathischer Arznei die Hülfe, die dieses Mittel in solchem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in einem Zeitraume von 40, 50, 60, 100 Tagen. Aber theils ist dies sehr selten der Fall, theils muß dem Arzte, so wie dem Kranken viel daran liegen, daß, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte.
Und dieß läßt sich auch, wie neueste, vielfach wiederholte Erfahrungen mich gelehrt haben, recht glücklich ausführen, unter folgenden Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war - zweitens, wenn sie hoch potenzirt, in Wasser aufgelöst und in gehörig kleiner Gabe in, von der Erfahrung als die schicklichsten, ausgesprochenen Zeiträumen zur möglichsten Beschleunigung der Cur gereicht wird, doch mit der Vorsicht, daß der Potenz-Grad jeder Gabe von dem der vorgängigen und nachgängigen Gaben um Etwas abweiche, damit das, zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebensprincip, nie zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne, wie bei unmodificirt erneuerten Gaben, vorzüglich schnell nach einander wiederholt, stets geschieht *).
Die wesentliche Abweichung habe ich unterstrichen.
 § 247 Ganz dieselbe, unabgeänderte  Gabe Arznei, selbst nur einmal, geschweige viele Male nach einander (und, wenn die Cur nicht verzögert werden soll, in kurzen Zeiträumen) zu wiederholen, bleibt ein unausführbares Vorhaben. Das Lebensprincip nimmt solche ganz gleiche Gaben nicht ohne Widerstreben an, das ist, nicht ohne andere Symptome der Arznei laut werden zu lassen als die, der zu heilenden Krankheit ähnlichen, weil die vorige Gabe schon die von ihr zu erwartende Umstimmung des Lebensprinzips vollführt hatte, eine zweite, an Dynamisation ganz gleiche, unveränderte Gabe derselben Arznei daher ganz dasselbe auf das Lebensprinzip nicht mehr auszuführen vorfindet. Nun kann der Kranke durch eine solche unabgeänderte Gabe nur noch anders krank, im Grunde nur kränker werden als er schon war, indem jetzt nur diejenigen Symptome derselben Arznei zur Wirkung übrig bleiben, welche für die ursprüngliche Krankheit nicht homöopathisch sind, also kann auch kein Schritt vorwärts zur Heilung, sondern nur wahre Verschlimmerung des Kranken erfolgen. Sobald man aber die folgende Gabe jedesmal in ihrer Potenz um etwas abändert, das ist, etwas höher dynamisirt, (§. 269., 270.) so läßt das Kranke Lebensprinzip sich unbeschwert ferner durch dieselbe Arznei umstimmen (sein Gefühl von der natürlichen Krankheit ferner vermindern) und so der Heilung näher bringen.

Nun macht er was ganz anderes daraus. Er verlangt, dass jedesmal vor Gabenwiederholung die Arznei in der Potenz etwas „verändert“ wird. Eine Arznei, die unverändert wiederholt wird, soll danach sogar dem Patient „ nicht wieder wohl getan“ haben.

Im § 248 führt er dann aus:

Zu dieser Absicht wird die Arznei-Auflösung 1)vor jedem Male Einnehmen (mit etwa 8, 10, 12 Schüttel-Schlägen der Flasche) von Neuem potenzirt, wovon man den Kranken Einen, oder (steigend) mehrere Kaffee- oder Thee-Löffelchen einnehmen läßt, in langwierigen Krankheiten täglich, oder jeden zweiten Tag, in acuten aber, alle 6, 4, 3, 2 Stunden, in den dringendsten Fällen, alle Stunden und öfter. So kann in chronischen Krankheiten, jede richtig homöopathisch gewählte Arznei, selbst die, an sich von langer Wirkungs-Dauer, in täglicher Wiederholung Monate lang eingenommen werden, mit steigendem Erfolge. Ist aber die Auflösung (in 7, 8, oder in 14, 15 Tagen) verbraucht, so muß zu der folgenden Auflösung derselben Arznei - wenn ihr Gebrauch noch angezeigt ist - ein, oder (obwohl selten) mehre Kügelchen von einem andern (höhern) Potenz-Grade genommen werden, womit man so lange fortfährt, als der Kranke noch immer mehr Besserung davon spürt, ohne eine oder die andre, nie im Leben gehabte bedeutende Beschwerde davon zu erleiden. …

Glaubt man seinen Ideen, dann würde eine Arznei (hier in flüssiger Form, Auflösung) neue Wirkungen zeigen. Das Schütteln der Flasche würde einen neue Potenzierung bedeuten. Das widerspricht seiner bisherigen Logik. Potenzieren ist nicht schütteln allein. Zumindest was das angebliche Auslösen von Erstreaktionen, Erstverschlimmerungen der unveränderten Arzneiwiederholung betrifft, würde man dieses vermeiden können Hat er das die ganzen Jahre vorher tatsächlich so beobachtet? Welche Patienten konnte ein Arzt damals wirklich über viele Wochen beobachten?

Ich habe so etwas in den über 30 Jahren homöopathischer Arbeit nicht beobachten können: Später auftretende Erstverschlimmerungen wegen nicht jedesmal neu verschüttelter Arznei. Wäre auch nicht praktisch verwertbar. Sofern jedesmal, wenn Arzneien unter „Stöße“ geraten, sich darinnen etwas an Wirkstärke ändern würde, wäre es ja unmöglich, eine reproduzierbare oder vorhersehbare Arzneiwirkung zu haben. Schon wenn man die Wege vom Hersteller zur Patientenwohnung betrachte mit all den Transport bedingten Vibrationen und mechanischen Einwirkungen (Fahren über holprige Straße z.B.). Mit Verwunderung musste ich mal in einem „Fachbeitrag“ lesen, dass eine mit homöopatischen Arzneien Therapierende einer Patientin, die angeblich erhebliche Verschlimmerungen während der Therapie erlitt, erklärt haben solle, dass das daran läge, dass sie die Arzneien auf einer Wanderung in ihrem Rucksack getragen und dort Schüttelschlägen ausgesetzt habe. Und das sollte dem Leser beweisen, wie Homöopathika wirken.

Spielt hier der für die Homöopathie immer wieder angeführte Placeboeffekt auch bei Verordnern eine Rolle?


Kann die Stimmung dessen, der die Substanzen potenziert gar eine Rolle spielen für die Heilwirkung? Wenn er lustlos schüttelt haben dann die gleichen Arzneien einen andere Wirkung, als wenn er fröhlich dabei singt. Können die durch einen Lügner und Betrüger potenzierten Arzneien vielleicht den Patienten schädigen? Kann der Potenzierende selbst spüren, welche Wirkungen von der Arznei ausgehen können und ist das – unabhängig von den Arzneiprüfungen am Gesunden – ein vernünftiger Maßstab für die Verabreichung an Patienten?

Wenn die Person des Potenzierenden einen Rolle spielt, wenn dessen Empfindungen beim Potenzieren eine Aussage zur Wirkung machen kann, dann wären homöopathische Arzneien hoch gefährlich. Der Potenzierende könnte ja persönlich auf den Patienten einwirken, quasi bösen Fluch auf den übertragen, fast wie beim Voodoo. Solche Ideen lagen Hahnemann bei seiner Heilweise völlig fern. Er hätte sonst immer wieder ganz deutlich darauf hingewiesen. Auch seine Erklärungen zum Mesmerismus – eine ganz andere Heilweise -, in der der wohlmeinende Behandler eine Rolle spielt, sind nicht auf seine Lehre übertragbar. Auch damals galt der Mesmerismus bereits als eine Art hypnotisches, suggestives Verfahren, welches viel durch den Mesmerisierer bewirkte.


Wird fortgesetzt.

Copyright K.-U.Pagel

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